How to E-Auto

IONIQ5 am Mesnerhof
(Foto: B. Rochlitz)

Trotz der vielen Modelle von Elektroautos ist es nicht so einfach, heute in den Besitz eines geeigneten Fahrzeugs zu kommen. Schon die Auswahl ist schwierig und beim Kauf warten dann die nächsten Hürden. Es gibt aber ein paar einfache Tipps und ein hilfreiches Werkzeug.

Welches Modell?

Mal ehrlich: Welche Kriterien sind primär wichtig? Das multimediale Wohlfühlinterieur mit Ambientebeleuchtung und passenden Nähten am Alcantarabezug der Masagesitze? Oder einfach erst einmal, ob die Kiste dahin fährt, wo man hin will – und zwar gegebenenfalls mit Partner, Kindern, Hund und dem Fahrrad auf dem Heckträger?

Wer die erste Frage mit „Aber auf jeden Fall!“ beantwortet, wird wohl auch dem Prospektgeschwurbel der Autohersteller glauben. Dann am besten die Hausmarke wählen, im Konfigurator beim üblichen Fahrzeugtyp das Gewünschte anklicken und bestellen. Meine Prognose ist allerdings, dass der hohe Preis und die lange Wartezeit schließlich von der einen oder anderen Enttäuschung begleitet sein wird. In der Praxis ist halt alles anders, dem gekauften Auto fehlen vielleicht wichtige Eigenschaften und der entrückte Ausdruck im Gesicht der Models auf der Website des Herstellers wird sich beim Käufer wahrscheinlich leider nicht einstellen.

Meine Empfehlung ist, erst einmal wenige zentrale Kriterien auf die vorhandenen E-Modelle anzuwenden und zwar auf einer realistischen, auf Fakten gründenden Basis. Danach kann man dann schauen, ob und welche „unverzichtbaren“ Extras angeboten werden und bezahlbar sind.

Eine exzellente Möglichkeit für die einfache Identifikation des geeigneten E-Autos bietet die Electric Vehicle Database des nach eigener Angabe unabhängigen und nicht kommerziellen Anbieters EV Database. Wer dahinter steckt, lässt sich zwar nicht auf der Website erkennen, aber die Inhalte sind hervorragend gut aufbereitet, programmiert, gepflegt und klever durchdacht. Und die enthaltenen Fakten sind nach meiner Einschätzung alle korrekt!

Ein Beispiel:

Mein Wunschauto soll meinen Wohnwagen ziehen können. Dafür muss es die notwendige Anhängelast haben (etwa 1575kg) und wegen des dann hohen Energiebedarfs (etwa 80% mehr als der durchschnittliche Verbrauch) möglichst schnell laden können, damit Caravaning damit Sinn macht. 500km je Stunde Ladegeschwindigkeit bezogen auf normalen Verbrauch wären dafür recht brauchbar.
Also auf der Seite von EVD „Mehr Optionen“ aufgeklappt, den unteren Wert für Ladegeschwindigkeit und Anhängelast auf die genannten Werte eingestellt und die Ergebnisse nach aufsteigendem Preis sortiert. Und Zack: Der IONIQ5 steht ganz oben in der Liste.
Na, was für ein Zufall! Den habe ich ja!

Aber auch andere Kriterien funktionieren natürlich für die schnelle Suche:

Gebraucht wird eine Anhängerkupplung für den Fahrradträger, und bei 250km realer Reichweite wäre eine halbe Stunde Ladezeit für weitere 150km ideal?
Dann „Anhängerkupplung“ auswählen, 250km Reichweite und 300km/h Ladezeit einstellen und Schwuppdiwupp: Renault Megane E-Tech ist der preiswerteste (erhältliche) Favorit. Zu französisch? Weiter unten tummeln sich im selben Preissegment die Modelle von Chinesen, Südkoreanern und Deutschen mit den gewünschten Eigenschaften.

Meines Erachtens ist die Electric Vehicle Database die beste Marktübersicht für die blitzschnelle Auswahl eines geeigneten Modells auf Basis verlässlicher Fakten. Ein echtes Mega-Tool.

Wie kommt man an sein Auto?

Wer sein ideales Elektroauto nun endlich gefunden hat und zum Händler geht, wird allerdings die erste Enttäuschung erleben: Das Auto gibt es nicht.

Seit Jahren hört man bezüglich guter, aber nicht lieferbarer E-Autos den Grund: „Die Nachfrage nach diesem Modell ist unerwartet hoch.“
In letzter Zeit ist noch dazu gekommen: „Die Zulieferer sind von Überschwemmung/Corona/gestrandeten Schiffen/Materialknappheit/Krieg betroffen.“
Und ganz aktuell: „Wir können Ihnen keinen Liefertermin nennen.“, „Der endgültige Preis kann/wird sich noch ändern.“ und „Das Modell kann nur in der Top-Austattung bestellt werden.“ oder „Leider ist das Modell bereits ausverkauft.“

Das ist sehr, sehr ärgerlich für diejenigen, die sich jetzt zum Umstieg entschlossen haben. Aber es bis auf weiteres wohl nicht zu ändern. Wie kommt man dennoch an ein E-Auto? Nur mit Geduld, eventuell durch Kompromisse bei der Auswahl und leider nur mit finanzieller Flexibilität.

Wer auf Nummer Sicher gehen will, lässt in seinem Budget 20% Spielraum für eine spätere Preisanpassung. Und man sollte Stand Juni 2022 mit mindestens (!) einem Jahr Lieferzeit rechnen. Mit einer Entscheidung und der Bestellung zu warten, ist aber vermutlich ebenfalls nicht zu empfehlen. Bis es wieder besser wird kann es noch eine ganze Weile dauern. „Wir haben es noch nicht hinter uns.“ sagte kürzlich Elon Musk, der bei Tesla bereits erhebliche Preisänderungen nach oben vorgenommen hat.

Beim Vertragsabschluss ist es wichtig, genau auf die Bedingungen zu nachträglichen Preisanpassungen zu achten. Bei vielen und vermutlich bald allen Herstellern steht dort sinngemäß, dass erst in der zeitlichen Nähe zum Liefertermin der endgültige Preis feststeht. Früher undenkbar, heute für Hersteller und Händler wohl die einzige Möglichkeit, denn niemand kann ja sagen, was die Produktion des Fahrzeugs in einem Jahr kosten wird.

Mein Eindruck ist, dass die fernöstlichen Hersteller zwar auch unter Kostendruck leiden und daher die Preise erhöhen und sich absichern, jedoch insgesamt durch kürzere Lieferketten und weniger Modellvarianten besser mit der Situation zurecht kommen.

Ich rate daher dazu, auch einmal jenseits der Hausmarke nach einem geeigneten Fahrzeug zu schauen, eventuell auf das eine oder andere Extra zu verzichten oder sogar ein verfügbares Fahrzeug zu kaufen, auch wenn es die falsche Farbe hat. Sonst wird man sich halt mit den aktuellen Bedingungen arrangieren müssen und rechnet besser mit Preiserhöhung vor der Lieferung in ferner Zukunft.

Welche Förderung gibt es?

Das ist ein weiterer Faktor, der momentan schwer zu beurteilen ist. Die Tinte unter dem Koalitionsvertrag ist noch nicht ganz trocken, da rudert die FDP in der Person Herrn Lindners und Herrn Wissings schon wieder in die andere Richtung. Die Vereinbarungen zum europäischen Verbrennerausstieg, zu Förderbeträgen für Elektroautos und deren Zeiträumen kippeln gerade mächtig und damit vielleicht sogar die ganze Koalition.

Zugegeben, es ist angesichts der komplett wahnsinnigen Weltlage viel zu tun und zu finanzieren, aber das ist leider der Job. Jetzt den bereits beschlossenen Kurs in Frage zu stellen und das Steuer loszulassen, ist ganz schlechter Stil und verursacht großen Schaden.
Das hieße nämlich für die Konsumenten, dass sie nicht darauf vertrauen können, eine für ihre Entscheidung maßgebliche Förderung zu erhalten und die Gefahr, auf erheblich höheren Kosten sitzen zu bleiben. Wer riskiert das gern? Und für die Unternehmen sind zögernde Kunden sowie eventuell platzende Kaufverträge und Finanzierungen auch kein Spaß. Förderung geht anders.

Stand heute kann man also nur für Fahrzeuge eine sichere Kalkulation machen, die noch in diesem Jahr zugelassen werden. Was danach passiert, ist leider völlig offen, wenn die Vereinbarungen in der Koalition nicht eingehalten werden.

Also auch aus diesem Grund ist es wohl angeraten, lieber den Spatz, als die Taube zu wählen. Wer jetzt bestellt, sollte sich versichern lassen, dass die Lieferung und Zulassung in diesem Jahr erfolgen kann – oder im worst case mit erheblich reduzierter Förderung kalkulieren. Der Kauf eines bereits produzierten Fahrzeugs kann die Lösung sein, wenn es passt.

Wieso dann überhaupt ein Elektroauto?

Egal, wie und wann die Politik jetzt ihren Job macht. Die Unternehmen sind trotz aller genannten Probleme schon viel weiter, zu weit, um noch umdrehen zu können. Die E-Mobilität mit rein elektrischen Autos (BEV) steht meiner Einschätzung nach nicht mehr zur Debatte. Der Verkaufserfolg JEDES elektrischen Modells spricht doch Bände. „Unerwartet hohe Nachfrage“ ist ein Witz, wenn jedes E-Auto in kürzester Zeit ausverkauft ist, oder? Und die freiwilligen (!) Statements der Autohersteller weltweit zum Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor sowie der Schwerpunktwechsel beim Engagement der Mineralölkonzerne von der Erschließung neuer Ölvorkommen hin zum Bereich Ladetechnik und Wasserstoffherstellung stützt meine Annahme.

Natürlich werden Kolbenmotoren und andere Wärmekraftmaschinen nie ganz verschwinden. Wieso auch? Es gibt Anwendungen, da ist dieser Antrieb sinnvoll und technisch (noch) im Vorteil. Zum Beispiel in der Landwirtschaft, im Last- und Flugverkehr, bei großen Schiffen. Aber nicht bei PKW, die durchschnittlich täglich unter 40km weit fahren und dann 20 Stunden lang herumstehen. Und es wird noch viel teurer als schon heute werden, mit Benzin, Diesel oder Kerosin zu fahren und zu fliegen, egal ob subventioniert oder künstlich hergestellt. Da kann man noch so viel Tankrabatt an die Mineralölkonzerne überweisen…

Der „Normalbürger“ wird daher schon aus Kostendruck auf den heute schon viel preiswerter, sauber und angenehmer zu betreibenden Elektroantrieb wechseln – oder das Auto zu Gunsten anderer Verkehrsmittel teilweise ganz aufgeben.

Schon jetzt fährt man im Alltag elektrisch vorteilhafter als mit dem Verbrenner. Das gilt für alle, die es auch wollen. Für die anderen ist es völlig unmöglich, weil sie unüberwinbare Hürden und Nachteile für sich sehen. Wie zum Beispiel kurze Pausen auf Langstrecken nach drei Stunden Fahrt oder sich einen Ladeanschluss in den eigenen Carport schrauben zu lassen.

Zugegeben, es gibt noch einiges Verbesserungspotenzial, besonders was Anzahl, Verteilung und Verlässlichkeit und Ergonomie der Ladepunkte in der Öffentlichkeit angeht. Aber schließlich hängt das meiste dessen nur davon ab, wie die Energiewende durch den Ausbau der Windkraft, der Photovoltaik und der Verteilungs- und Ladenetze weiter vorankommt und gleichzeitig die Autohersteller ihre Hausaufgaben machen und sich mal ihre Lieferketten ansehen. Alles Themen, die wir auch ohne E-Autos ohnehin in den Griff bekommen müssen.

Also: Es ist jetzt der beste Zeitpunkt sich für ein Elektroauto zu entscheiden. Vor einem Jahr, vor dem Krieg und dem Anstieg der Preise war der Zeitpunkt natürlich besser, klar. Aber dieser Drops ist jetzt ja gelutscht.
Und in der nächsten Zukunft ist ziemlich sicher zu erwarten, dass die Preise steigen. Für die Autos, aber vor allem für die fossilen Energieträger, deren Quellen häufig in den oft blutigen Händen, sagen wir „unzuverlässiger Vertragspartner mit sehr persönlichen Zielen“ liegen.

Die Zeiten haben sich geändert. Wer voraus schaut, sich heute entscheidet und handelt, braucht Geduld. Aber in einem Jahr ist er oder sie weiter als die anderen, die noch gezögert haben. Und die dann vielleicht zwei Jahre warten müssen…

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