Elektrisch Reisen, Ausgabe September 2021

Elektrisch Reisen in neuem Stil: IONIQ 5 mit Highway Drive Assist

Die ersten Erfahrungen auf einer Langstreckenfahrt mit dem IONIQ 5 bestärken die Überzeugung, das richtige Fahrzeug gewählt zu haben. Sowohl das Fahrverhalten, der Stromverbrauch, wie auch Komfort und Ladegeschwindigkeit lassen keine (meiner) Wünsche mehr offen. Das Auto ist wirklich leise, man kommt flott voran und sitzt total entspannt und bequem. Die Stopps zum Laden sind so kurz, dass man dabei gerade mal das Notwendigste erledigen kann. Von „Ladeweile“ keine Spur mehr.

Die Ladestrategie

Für die rund 700km lange Fahrt von Berlin nach Tirol auf der Autobahn bieten sich heutzutage eine Menge Optionen zum Laden an. Und rund 300km am Stück sollten auch bei Tempomat auf 130km/h mit einem 73kWh-Akku problemlos möglich sein. So wird der IONITY Ladepark in Himmelkron als erstes Ziel in rund 330km Entfernung angepeilt.

Erster Ladestopp nach rund 175km in Nempitz. Die IONITY Ladepunkte bieten bis zu 300kW Leistung, der IONIQ 5 lädt dort mit bis zu 225kW.

Die Fahrt verläuft auch wie geplant und ohne Störungen, doch nach 150km will der Morgenkaffee dann doch schon entsorgt werden. Und so wird umdisponiert und bereits auf dem Autohof in Nempitz gehalten.

So wie hier laufen dann auch die nächsten zwei Stopps ab: Nach rund anderthalb Stunden Fahrt am IONITY High Power Charger anschließen und Ladevorgang mit der RFID-Karte starten, kurz zum WC, vielleicht einen Happen essen, etwas trinken und nach etwa 20, 25 Minuten ist man bereit zum Weiterfahren. Man wartet also nicht mehr auf das Ende des Ladevorgangs, sondern beendet diesen einfach und fährt los, wenn man soweit ist. Jedes Mal ist bei meinen Pausen der Akku dann schon um die 90% voll und mehr als 300km Reichweite werden angezeigt. Wenn man wollte, würden natürlich auch 80% völlig ausreichen und man könnte nach weniger als 15 Minuten wieder unterwegs sein.

Letzten Endes bin ich also nie 300km am Stück gefahren, sondern habe jeweils die gut gewählten Abstände der IONITY Ladeparks von etwa 170 bis 180km genutzt. Immer, wenn ich das Gefühl hatte, mir mal die Beine vertreten zu wollen, war auch der Ladepunkt nicht mehr weit. Sehr angenehm. Und Strom brauchte ich bei diesen Etappen auch nicht zu sparen. So stellte sich ein Schnitt von 100 bis 130km je Stunde ein, je nach Verkehrsaufkommen und Fahrspaß. Ich kam jeweils mit etwa 35 bis 50% SOC an und hatte einen Verbrauch von 18 bis 23 kWh auf 100km bei aktiver Klimatisierung und 17 bis 27°C Außentemperatur.

Der Strom ist hier bestimmt aus Wasserkraft.
EnBW 300kW mit Alpenpanorama bei Kiefersfelden im Inntal

Schließlich tauchen die Alpen auf und ich entscheide mich für die letzte Lademöglichkeit in Deutschland bei Kiefersfelden, obwohl der Strom ohne weiteres bis zum Ziel reichen würde. Hier steht ein EnBW Hypercharger mit 300kW, der zwar mit dem ADAC Ladetarif 48ct je kWh kostet, mir jedoch am Zielort für die kommenden Tage genug Ladung im Akku verschafft. Beim nächsten Mal würde ich stattdessen eher in Angath laden, wo sich der nächstgelegene IONITY Ladepark in Österreich befindet, und an dem ich mit dem IONIQ 5 nur 29ct zahlen muss.

Insgesamt habe ich auf der Hinfahrt Strom für rund €48 geladen und kam jedoch am Zielort in Tirol mit über 70% Ladestand an. Auf der Rückfahrt waren es trotz flotterer Fahrweise nur €36, allerdings waren dann beim Eintreffen in der Tiefgarage nur noch rund 25% im Akku. Rechnet man alles zusammen und den vollen Akku bei Fahrtantritt jeweils dazu, kommt man auf Stromkosten von etwa €6 bis €7 je 100km bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von um die 120km/h.

Die niedrigen Fahrtkosten ergeben sich durch die Nutzung des vergünstigten Tarifs für ADAC-Mitglieder bei EnBW und vor allem durch den von der Grundgebühr befreiten IONITY Premium Tarif für Hyundai Kunden in den ersten ein bis zwei Jahren nach dem Kauf.

Im Normalfall müssen bei enBW rund €5 monatlich und für IONITY Premium rund €13 monatlich als Grundgebühr bezahlt werden, um dieselben günstigen Kilowattstunden-Preise zu bekommen. Oder man akzeptiert am Hyper Charger halt einen deutlich höheren Strompreis je Kilowattstunde, was sich aber bei seltenen Langstreckenfahrten rechnen dürfte. So gesehen ist vermutlich besonders für Gelegenheitsnutzer der aktuelle Gesetzesentwurf sinnvoll, die Kartenzahlung an allen neuen Ladesäulen vorzuschrieben.

Assistenten sinnvoll einsetzen

Auf der langen Fahrtstrecke ergeben sich natürlich ganz unterschiedliche Situationen: Von zweispurigen Baustellen mit 80km/h und LKW im Konvoi bis hin zu unbegrentzten Abschnitten mit vier Fahrstreifen und geringer Auslastung ist alles dabei. Zum Ende der Fahrt kommen noch schmale Dorfstraßen und eine sehr alpine Landstraße mit anspruchsvoller Steigung und vielen Kurven dazu.

Bergfahrt auf 1000m und gelegentliche Begegungen mit Traktoren oder Gemsen
(Man beachte die erlaubte Geschwindigkeit!)

Doch vorher lerne ich auf einigen Abschnitten der Autobahn die Vorteile des HDA 2.0 nun richtig zu schätzen, von dem ich bisher nicht so überzeugt war. Der Highway Drive Assist, der in manchen Ausstattungspaketen enthalten ist – wie auch bei dem für Europa mit einer Auflage von 3000 Stück gebauten Sondermodell „Project 45“ – hält nicht nur die eingestellte Geschwindigkeit, den gewünschten Abstand zu Vordermann und -frau, die Spur und lenkt durch die Kurven. Er bietet auch die Anpassung der Geschwindigkeit bei Begrenzungen und Aufhebungen an und hilft beim Spurwechsel, indem er vor Fahrzeugen im toten Winkel oder mit schneller Annäherung warnt. Ist jedoch alles frei, lenkt er nach Antippen des Blinkers selbst auf die gewünschte Spur.

Braucht man sowas? Natürlich nicht. Aber wenn es vorhanden und die Strecke lang ist, spürt man doch die Entlastung deutlich. Nach 700km steigt man so frisch aus dem Auto, wie man eingestiegen ist. Die mentale Anstrengung reduziert sich erheblich. Zumindest, wenn man die Bedienung des ganzen Firlefanz erst einmal automatisiert hat.

Alles Daumensache: Tempomat & HDA, langsamer/schneller, An/Aus & OK, Abstand und Lenkung (von rechts oben im Uhrzeigersinn)

Denn eigentlich kann man das Auto mit dem rechten Dauem fahren: Dort sind die drei Tasten und ein Kombischalter am Lenkrad, mit denen man den Assistenten für die Lenkung auch abschalten kann, wenn er nervt.
An dieser Stelle lässt sich die gewünschte Geschwindigkeit einstellen und die erkannten Begrenzungen durch Verkehrszeichen bestätigen, der Abstand zum nächsten Fahrzeug vergrößern oder reduzieren und mit einer Taste alles deaktivieren.

Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn man schneller fahren möchte, die Markierungen und Verkehrszeichen undeutlich sind oder einfach eine außergewöhnliche Situation eintritt. Im Stop-and-Go oder im Stau allerdings ist der HDA wirklich toll. Das Auto fährt dann gefühlt vollautonom, lenkt, hält sicher den Abstand und regelt die Geschwindigkeit so, wie man es auch täte. Nur, dass man es eben nicht selbst machen muss.

Ebenfalls sind natürlich der generelle Fahrkomfort und vor allem anderen die Ruhe in diesem Auto ein Stress reduzierender Faktor. Der lange Radstand, die leisen Reifen und die schalldämmende Verglasung schaffen eine echte Wohlfühlatmosphäre und halten den Lärm der Autobahn draußen.

Ja, stimmt, man könnte auch ICE 1. Klasse fahren, natürlich. Ist auch elektrisch, innen ruhig und sehr schnell. Aber im Unterschied dazu, kommt man mit der Bahn eher nicht für unter €50 nach Tirol, kann losfahren, wann man es möchte, und ohne dass einem der Sitznachbar beim Telefonat mit seiner Frau detailiert vermittelt, wie gerade seine Darmspiegelung war…

Und dann sind da ja auch noch die letzte Meilen über Land, die Berge hoch und schließlich das Ziel auf dem Campingplatz mit herrlicher Aussicht – ohne Umsteigen, Schlepperei und andere Ungemach. Der Weg ist hier wieder Mal auch das Ziel und lässt sich von Anfang bis zum Ende förmlich genießen. Sauber, leise und bequem. Und nach meiner persönlichen Meinung mit einem perfekten Fahrzeug. Ich bin begeistert.

Am Ziel. Campingplatz auf Wunsch ohne Stromanschluss, denn ausreichend Strom haben wir selbst dabei:
Bei Bedarf stellt das Auto 230V mit bis zu 16A zur Verfügung.

Die Hauptsache…

Waldspaziergang mit E-Shuttle
(Foto: B. Rochlitz)

…ist natürlich der Zweck der Reise, wenn nicht die Reise selbst. Und darum sollen hier auch noch einige der Eindrücke folgen. Manche der schönen Orte wurden einfach erwandert, aber wenn man in kurzer Frist möglichst viel sehen möchte, dann ist das Auto natürlich auch wieder dabei. Das führt bekanntermaßen zu viel touristischem Straßenverkehr.

„Was der Tourist sucht, zerstört er, indem er es findet.“ hat Hans Magnus Enzensberger sehr trefflich formuliert. Daher sollte nicht unerwähnt bleiben, dass vor Ort in Tirol sehr viele Angebote existieren, ganz ohne zusätzlichen Autoverkehr die schönen Ausblicke und die bemerkenswerte Natur zu erreichen.

Österreich tut aber auch abseits der Idylle allerhand, um die Zerstörung seines Lebensraumes und seines Kapitals zumindest zu reduzieren, wo auf das Auto nicht leicht verzichtet werden kann. So ist zum Beispiel die Inntalautobahn mit ihrem hohen Verkehrsaufkommen und einem früher hohen Anteil an Luftverschmutzung und Lärm inzwischen per Luftreinhaltungsgesetz IG-L mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100km/h belegt. Die Strafen sind drakonisch, da es sich um ein Umweltgesetz und nicht um die Straßenverkehrsordnung handelt, nach deren Bussgeldkatalog sie verhängt werden.

Inntalautobahn mit IG-L
Nur E-Autos dürfen hier 130km/h fahren – und der Starenkasten rechts kontrolliert das auch

Wenn man dem ADAC in seinem diesbezüglichen Artikel glauben darf, sind aber neuerdings nicht nur österreichische E-Autos (mit grünem Kennzeichen) davon befreit, sondern nun auch die der übrigen Europäer. Da jedoch ausschließlich reine Batterie- bzw. Brennstoffzellenautos lokal komplett emmissionsfrei und sauber fahren, bei uns jedoch auch Plug-In-Hybride das „E“ im Kennzeichen haben, kann es schon einmal einen Strafbefehl geben, wenn man die erlaubten 130km/h fährt und das Fahrzeug den Behörden nicht bekannt ist. Ein Einspruch mit Übersendung einer Kopie des Fahrzeugsscheins soll aber die Strafe abwenden.

In den oft malerischen kleinen Ortschaften allerdings sehen die Einheimischen teilweise notgedrungen ihr Auto als einzige Möglichkeit der sinnvollen Fortbewegung und so wird leider auch hier mit dem SUV aus 10km Entfernung bis zur Wursttheke des Metzgers vorgefahren, um noch schnell mal „fünf Deka von der Grütz’n“ zu erwerben. Denn kein Bringedienst schaut hier mal schnell mit dem Fahrrad auf der abgelegenen Alm vorbei und bringt die beim Einkauf vergessenen Pepperoni für die Pizza.

In Rattenberg, der kleinsten Stadtgemeinde Österreichs, ist der Autoverkehr allerdings stark reduziert worden. Durch eben diese Inntalautobahn. Bis 1972 ging alles durch das winzige Städchen, was von Deutschland aus über Kufstein nach Innsbruck unterwegs war. Nun kann man überwiegend zu Fuß die schmalen Gassen und die fantastischen Bauten genießen.

Rattenberg. Winziges Städchen eingezwängt zwischen Felswand und Inn. Der fließt hinter der Mauer.

Und nicht zu vergessen: Elektromobilität hat in Österreich inzwischen generell einen stark wachsenden Anteil. Gefühlt sind es doppelt bis dreimal so viele E-Autos wie in Deutschland. Faktisch sind es Ende August 2021 laut BEÖ zwar nur 64.415 rein elektrisch betriebene Pkw, das entspricht aber etwa 1,3 Prozent des gesamten Pkw-Bestands. In Deutschland waren es laut statista im Juli 2021 439.000, das sind nur knapp 1% der hier zugelassenen PKW.

Die gute Akzeptanz der E-Autos hat auch Auswirkungen auf die Infrastruktur – oder umgekehrt. Lademöglichkeiten gibt es jedenfalls in Tirol eigentlich in jedem Dorf und Strom ist hier billig.

Bürgermobil ZOE: Das Dorftaxi für 1€ je Fahrt
(Foto: B. Rochlitz)

Mal ganz davon abgesehen, dass der Strommix in der Alpenrepublik durch einen hohen Anteil an Erneuerbarer Energie – überwiegend aus Wasserkraft – natürlich auch besser ausfällt (2019 über 81%, Quelle: Wikipedia) als in Deutschland (Erneuerbare Energie 2019: nur etwas über 44%, Quelle: BDEW 2020, zit. bei naturstrom). Da verwundert es nicht so sehr, dass die flächenmäßig große Gemeinde Brandenberg zum Beispiel eine ZOE als Dorftaxi für die gar nicht so große Bevölkerung unterhält. Und das schon seit einiger Zeit und mit großem Erfolg.

Alles in allem war das eine sehr schöne Reise und ein schöner Aufenthalt in Tirol. Der IONIQ 5 hat sich bewährt und Spaß gemacht. Es war problemlos und leicht, ihn den Berg hoch zu lenken, ihn auch über schmale Straßen und Schotter zu bewegen und dabei keinen Krach und Gestank zu verbreiten. Den Berg hinunter hat die Rekuperation das Fahren ebenso erleichtert, wie sie Energie in den Akku zurückgeladen hat, die vorher für die Bergfahrt aufgewendet werden musste. Die Bremsen wurden auch für die Talfahrt nur benötigt, wenn das Auto anhalten sollte. Somit blieb der alpine Verbrauch ganz im üblichen Bereich.

Berglsteiner See (Foto: B. Rochlitz)

And last but not least: Die Menschen, die ich getroffen habe waren extrem positiv und sympathisch. „Herzlich“ trifft es vielleicht am besten. Vielleicht war das Glück oder Zufall. Aber vielleicht ist es einfach so, dass die beeindruckende und manchmal kolossale Landschaft, die nicht immer friedliche Natur und das Leben in den Bergen eben freundliche Bewohner hervorbringt.

Und das Essen beim Neuwirt war echt fantastisch.

Grüße an den Mesnerhof und alle, die ich dort kennenlernen durfte! (Danke auch für die Steckdose.)

Abendliches Brandenberg mit Mesnerhof

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