2019: Ein Blick in die Kristallkugel

ZOE 2 im Tarnkleid? (Quelle: unbekannt)

Wer sich für Elektromobilität interessiert, dem bleibt eigentlich kaum ein anderes Medium. Denn die Hersteller liefern außer Studien, Konzeptfahrzeugen und vollmundigen Ankündigungen wenig wirklich Konkretes. Das Prä-faktische ist beim Thema E-Auto die Regel. Die Realität ist dagegen viel nüchterner und demzufolge auch nicht ganz so aufregend.

Überschaubares Angebot

Seit dem Erscheinen einer Handvoll brauchbarer Elektroautos in den Jahren um 2013 ist in Richtung Elektromobilität erst einmal nicht so richtig viel geschehen. Abgesehen von einer kontroversen Diskussion, ob die Technologie überhaupt eine Chance habe – oder man besser weiterhin auf das Pferd oder den Diesel setzen sollte, hat es bis ins Jahr 2019 tatsächlich kaum neue Modelle gegeben. Dafür jedoch eine Menge Ankündigungen. Doch inzwischen scheint auch den hartnäckigsten Verfechtern traditioneller Technik klar zu sein, dass die Dampfmaschine, der Otto-, Diesel- oder Wankelmotor ausgedient haben und eine neue Antriebstechnik Einzug in den Individualverkehr halten wird.

Natürlich werden die genannten Wärmekraftmaschinen weiterhin Anwendungen finden. Nur eben nicht mehr in der Masse der Fahrzeuge. In den vergangenen Jahren hat sich einfach gezeigt, dass selbst bei ungünstigen Verhältnissen Elektroautos aller Größen und Preislagen hervorragend kostengünstig, verlässlich und vorteilhaft funktionieren. Die technische Weiterentwicklung von Energiespeichern und die Verbesserung der Versorgung mit öffentlichen Ladepunkten hat die Nutzung vereinfacht und bewiesen, dass diese kritischen Faktoren kein unüberwindbares Hindernis für den breiten Einsatz dieser Technologie sind.

Gesunder Menschenverstand

Und auch der Bürger und Autobesitzer hat sich verändert. Zunächst einmal sind die Jungen nicht mehr vom Dogma beherrscht, dass der Besitz eines Autos das Ziel allen Strebens und den Gipfel der Glückseligkeit bedeutet. Für sie steht der Bedarf an Transportleistung im Vordergrund. Und der lässt sich ohne Gesichtsverlust mit Fahrrad, Öffentlichen, Carsharing – oder auch mal mit dem Auto der Eltern oder von Freunden erfüllen.

Auch die Älteren sind offenbar überwiegend nicht mehr daran interessiert, mit mehr als 130 bis 150 km/h zu reisen. Umfrageergebnisse zeigen: Ein Tempolimit wird von der Mehrheit der Bürger längst nicht mehr mit dem Untergang der Zivilisation gleichgesetzt. Daher braucht es halt für Viele auch keine 400 PS und 270 km/h Höchstgeschwindigkeit mehr. Sicher und ohne Stress an seinem Fahrtziel anzukommen ist wichtiger geworden, als jede Geschäfts- oder Urlaubsfahrt im Formel-1-Stil innerhalb der kürzesten Zeit zu absolvieren.

Die Allermeisten wollen außerdem zur Abwechslung auch mal ein Transportmittel, dass bei der Benutzung nicht die unmittelbare Umgebung vergiftet – obwohl der eine oder andere Hersteller immer noch den Eindruck aufrechterhalten möchte, dass dies bei seinen Fahrzeugen nicht der Fall ist. Allerdings war es dafür in der Vergangenheit bekanntlich offenbar nötig, die Behörden – und die Kunden – zu betrügen. Mit dem Elektromotor ist dieses Thema nun ein für allemal durch.

Flotte Fahrt für entspannte Bürger, die das ganze Jahr über den Preis und die Quelle für ihren Fahrstrom weitgehend selbst bestimmen können, preisstabil auch zu Ostern oder zu Ferienbeginn, vielleicht sogar aus eigener Produktion vom Hausdach: Das ist die neue Freiheit.

Dieses Ziel erreichen zu wollen, kann man wahrlich „gesunden Menschenverstand“ nennen. Nichts gegen Spaß und auch mal etwas Aufregung im Leben. Aber muss beides unbedingt auf der linken Spur der Autobahn stattfinden?

Aber nun: Was passiert 2019?

Zumindest einiges Konkretes, wenn auch lange nicht so viel, wie es aufgrund der vielen Ankündigungen in der Presse und auf Ausstellungen scheinen mag. Nicht viel mehr als eine Handvoll neuer Elektroauto-Modelle werden auf unseren Straßen zu sehen sein – wenn man Glück hat, denn die produzierten Stückzahlen sind relativ gering.

Das Folgende stützt sich überwiegend auf verlässliche Fakten, neben einigen Vermutungen, die jedoch gut begründet sind. Sicher ist: Nach den Ankündigungen der vergangenen Jahre werden nun relativ viele neue Modelle von Elektroautos hergestellt und fahren danach wohl tatsächlich auf unseren Straßen. Und das nicht nur in den Ballungsräumen sondern auch auf Fernstrecken ohne ein Problem mit der Reichweite oder eine andere praktische Einschränkung.

Es wird bei allen genannten Modellen eine Akkuleistung angeboten, mit der die jeweiligen Fahrzeuge in jeder Jahreszeit über weit mehr als 300km am Stück fahren können. Alle Typen bieten ebenfalls die Option zum Schnellladen von Gleichstrom mit jeweils zur Größe des Akkus passender Leistung. Mal abgesehen vom höheren Kaufpreis verschwinden langsam die typischen Argumente gegen den elektrischen Antrieb.

Aus Asien sind vor allem die begehrten Modelle von Kia und Hyundai im Anrollen, die überwiegend als SUVs gestaltet sind. Preislich in der Mittelklasse um 40.000€ und von allen Testern bisher hervorragend bewertet. Wesentlicher Nachteil: Die Produktion für 2019 wird wohl schnell ausverkauft sein.

Hyundai KONA electric (Quelle: Hyundai)

Auch das weltweit meistverkaufte Elektroauto Nissan Leaf ist nun in einer Version mit großer Reichweite zu bekommen. Auch hier könnte die Nachfrage schnell das Angebot übersteigen.

Nissan Leaf e+ 3.ZERO (Quelle: NISSAN INTERNATIONAL SA)

Der amerikanische Hersteller Tesla verkauft das in Europa lange erwartete Modell 3 nun auch auf dem deutschen Markt. Es kostet mit üblicher Ausstattung um die 60.000€, kann jetzt bestellt und innerhalb weniger Wochen geliefert werden. Große Akkuleistung und gute Ladeinfrastruktur sind bei Tesla nun schon seit längerer Zeit für alle Einsatzbereiche vorhanden.

Tesla model 3 (Quelle: Tesla, Inc.)

In Deutschland wird in diesem Jahr aus heimischer Produktion der erste vollelektrische SUV von Audi ausgeliefert. Ein gut ausgestattetes Fahrzeug wird wohl im Bereich von 100.000€ liegen. Die Produktion für 2019 soll bereits ausverkauft sein. Die Anzahl der für das Schnellladen der großen Akkus geeigneten Ladepunkte ist allerdings noch etwas sehr dünn.

Audi e-tron (Quelle: AUDI AG)

Ebenfalls in der Oberklasse und der Preislage ist der SUV von Mercedes Benz angesiedelt, der jedoch erst Mitte des Jahres bestellt werden kann. Immerhin ist es wahrscheinlich, dass er dann noch in diesem Jahr zu seinen Besitzern und auf die Straße kommen dürfte. Auch für dieses Fahrzeug fehlen noch ausreichend Lademöglichkeiten, um die hohe Leistung auch auf Langstrecken nutzen zu können.

Mercedes-Benz EQC (Quelle: Daimler AG)

Das wäre es dann schon fast mit den Neuheiten für die Straßen des Jahres 2019 – hätte nicht Volkswagen versprochen, den sorgfältig geplanten „modularen Elektrobaukasten“ MEB nun auch mal praktisch anzuwenden und das erste Modell auf dieser Basis zu produzieren. Der e-Golf Nachfolger wird vermutlich „ID. Neo“ genannt werden und soll ab März zu bestellen sein, Preis im Mittelklasse-Segment, Auslieferung noch in diesem Jahr.

Das könnte dann tatsächlich ein echter E-Volkswagen werden, der vielleicht den Erfolg von Käfer und Golf erreicht. VW beabsichtigt große Stückzahlen davon zu bauen, wenn die Nachfrage wie erwartet hoch ist. Und es wird dem Konzern allgemein zugetraut, dass er das auch kann wie kaum ein anderer. Das Auto hat allemal das Potenzial dazu und deckt durch drei Akkugrößen, Hinterrad- und Allradantrieb ein breites Feld von Anwendungen ab. Die Tester sind jedenfalls ziemlich begeistert.

ID. concept car (Quelle: Volkswagen AG)

Uups, da hätte ich den doch fast übersehen. Na, er ist ja auch wirklich nicht so groß und ziemlich schnell weg von der Ampel: Der e.go Life, der ab Mai 2019 nun endlich ausgeliefert werden soll. Gebaut wird er in Aachen und er ist ein „Kind“ des StreetScooter-Mitgründers Prof. Dr. Günther Schuh. (Der StreetScooter ist das Nutzfahrzeug der Deutschen Post, das inzwischen mit großem Erfolg auch an andere Interessenten ausgeliefert wird.) Preis des Vier(!)sitzers um 20.000€. Länge 3m und ein Bierkasten. Bestellungen für 2019 zwecklos: Alles ausverkauft.

e.Go life (Quelle: e.GO Mobile AG)

Daneben gibt es beinahe unzählige Ankündigungen und Absichtserklärungen aus allen Richtungen und in allen Preislagen. Selbst in der Kristallkugel ist dieses Bild noch nebulös. Ob, wann und welcher der Pläne auch tatsächlich mal Realität wird, ist kaum vorherzusagen. Glauben wir lieber nur, was wir sehen können.

Am ehesten sind da noch die Franzosen zu nennen, die bisher in Europa das erfolgreichste Elektroauto produzieren, mit inzwischen über 100.000 Fahrzeugen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Renault Anfang März eine neue ZOE vorstellen wird, die preislich sowie bezüglich der Akkugröße und Ladeleistung mit den Mitbewerbern aus Asien und von Volkswagen konkurrieren kann. Es ist ihnen sogar zuzutrauen, dieses Auto schon ab Mitte des Jahres zu verkaufen und noch in 2019 auszuliefern. Getarnte Einzelstücke wurden bereits gesichtet (siehe Titelbild). Äußerlich wird sich wohl nicht sehr viel ändern, aber neben Reichweite und Ladegeschwindigkeit werden wohl auch die Assistenzsysteme verbessert.

Auch PSA wird einen kleinen SUV seiner Marke DS anbieten, der ab Herbst bestellt werden kann. Größe und Leistungen entsprechen etwa denen der Mitbewerber aus Korea. Mehr wird sich aber in diesem Jahr in Europa wohl nicht tun und die Chinesen bedienen erst einmal den riesigen eigenen Markt. Sie haben jedoch das Potenzial, den Europäern und den USA auf diesem Sektor ernsthaft den Rang abzulaufen.

Wir rufen hier zwar politisch lautstark nach der Entlastung der Umwelt, wirtschaftlich wird aber nicht ganz so viel auch realisiert, obwohl es durchaus möglich – und bezahlbar wäre. Stattdessen bleiben Motorleistung, Höchstgeschwindigkeit, Infotainment, Connectivity und andere Spielerchen im Fokus der Diskussion. Begriffe wie „Dieselfahrverbot“ und „Tempolimit“ dominieren die Medien und verstopfen die Gehirngänge. Dabei wären „Energiewende“ und „Verkehrskonzepte“ die Themen, die unserer Aufmerksamkeit und der zügigen Umsetzung bedürfen.

Statt über unsinnige und umstrittene Mechanismen wie eine PKW-Maut die Zeit zu verschwenden, könnte man zum Beispiel Lösungen entwickeln, mit denen der Fern-Lastverkehr wieder auf die Schiene kommt oder die Städte sauberer werden. Und dazu gehören neben neuen Angeboten bei den öffentlichen Verkehrsmitteln eben auch preiswerte Elektroautos für den Berufspendler, das Gewerbe und den Lieferverkehr.

Aber das liegt wohl weiter in der Zukunft – und im Dunst der Kristallkugel…

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