Sinn und Unsinn

Da meldet die Berliner Abendschau am 5. Mai: Der „grüne“ Stadtrat Jens-Holger Kirchner wolle im nächsten Jahr in Friedrichshain im Rahmen des Eco-Mobility Festival einen Monat lang alle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor aus einem Teil des Stadteils Prenzlauer Berg verbannen. Stattdessen sollen elektrische Carsharingangebote, ein Shuttlebus und andere Elektrofahrzeuge den Personenverkehr und die Versorgung übernehmen.

So schön die Vision ja ist, so skeptisch bin ich allen Maßnahmen gegenüber, die Mitbürger zu ihrem Glück zwingen wollen. Es ist zwar durchaus denkbar, dass die Pressemeldungen überspitzt sind und man noch eine Lösung entwickelt, die so viele Bürger wie möglich einbezieht, ohne ihnen zu schaden. Es entsteht aber meines Erachtens ein völlig falscher Eindruck, was die Elektromobilität an sich betrifft. Es handelt sich dabei nicht um eine Technologie, die man per Verordnung durchsetzen muss, sondern um eine praxistaugliche Lösung, die lediglich gesellschaftlich unterstützt werden sollte, ohne die freie Entscheidung aller Bürger einzuschränken.

Man stelle sich vor, jemand käme auf die Idee, die Briefpost zeitweilig zu verbieten und Geschäfte zu schließen, um die Kommunikation via E-Mail und den Onlinehandel zu unterstützen. Das Alte mit dem Neuen auszutreiben ist kein gutes Prinzip. In den meisten Bereichen wird es ohne gesellschaftliche Nachteile vermutlich nie Eins ohne das Andere geben. Viele bewährte Verfahren haben ihre Berechtigung und ihre Vor- und Nachteile ebenso, wie neue Lösungen ihre Stärken und Schwächen haben. Obwohl wir heutzutage induktiv kochen können, ist manchmal das offene Feuer die bessere Lösung – trotz eventuell Rauch und Asche.

Was soll eigentlich das Ziel einer solchen Maßnahme sein, die einige Millionen Euro kosten dürfte? Der Beweis, dass es funktioniert, ein Stadtviertel rein elektrisch zu befahren und zu ver- und entsorgen? Selbst die größten Skeptiker werden das wohl auch ohne diesen Aufwand glauben. Die Fragen, die sich und auch mir jeder in erster Linie stellt sind doch: Wie weit komme ich mit einem Elektrofahrzeug und wo soll ich es aufladen? Ob der Müll elektrisch entsorgt und die Paletten mit Lebensmitteln elektrisch geliefert werden, finden Ent- und Versorger schon längst selbst heraus. Und öffentlicher PNV findet in der Großstast ja wohl auch heute schon überwiegend elektrisch statt.

Wenn man Bürger motivieren möchte, Elektromobiltät als persönliche Lösung ins Auge zu fassen, dann sollte man die Rahmenbedingungen für sie verbessern. Man sollte öffentliche Ladeinfrastruktur sinnvoll aufbauen, private umfangreich und gewerbliche angemessen fördern. Dazu gehören am Anfang natürlich auch zum Laden reservierte Parkplätze sowie die Befreiung von KFZ-Steuern und Parkgebühren, um einen finanziellen Ausgleich des (noch) höheren Preises von Elektrofahrzeugen zu schaffen. Die Fahrzeughersteller werden sich am Bedarf orientieren und die Modelle bauen, die nachgefragt werden.

Vor allem muss aber auch überregional und bundesweit die Lademöglichkeit auf längeren Strecken geschaffen werden, bevor sich jemand für ein Elektroauto als einziges Fahrzeug entscheidet. Wenn nicht wenigstens strukturell die Möglichkeit besteht, unbegrenzt weit zu fahren, weil man immer wieder aufladen kann, werden die Wenigsten ernsthaft auch eine Urlaubsreise oder den Besuch einer anderen Stadt mit einem Elektrauto für machbar und sinnvoll halten. Dagegen werden selbst Skeptiker einräumen, dass das Pendeln zum Arbeitsplatz und die alltäglichen Fahrten mit heute erhältlichen Fahrzeugen bereits problemlos möglich sind.

Dennoch hat das Projekt des Stadtrats für mich einen Sinn: Auf jeden Fall wird man öffentlich und politisch konkreter über Elektromobilität nachdenken. Es wäre meines Erachtens jedoch unsinnig, Mitbürger zu provozieren und „zu ihrem Besten“ zwingen zu wollen. Das geschieht weltweit viel zu häufig und gute Ideen werden so zu einem Anlaß für emotional angeheizte Auseinandersetzungen, die der Sache eher schaden als nutzen.

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